Vom Lernen, Fördern und Fordern – und was mein Kind mir dazu beigebracht hat.

Wenn man Mutter wird, gewinnt das Thema Lernen ja auf einmal wieder eine ganz neue Wichtigkeit. Nachdem man meist ja selbst die wesentlichen Lern-Meilensteine schon lange hinter sich gelassen hat und Schule und vielleicht auch Universität abgeschlossen hat, tauchen nun neue Lern-Meilensteine am Horizont auf. Kann er schon greifen? Dreht er sich schon? Was, er läuft noch nicht? Selbst die Mütter, die sich schon während der Schwangerschaft vorgenommen hatten, sich nicht in diesen Babywettbewerb hineinziehen zu lassen – und dazu gehöre ich – sind von diesen vermeintlich festen Entwicklungsmeilensteinen zumindest irritiert.

Denn, wer hätte es gedacht, Kinder lassen sich ungern in einer Tabelle abbilden. Das hat mich im ersten Lebensjahr sehr verunsichert. Der Mini fand die Bauchlage blöde und hatte keinerlei Interesse, diese sogar freiwillig einzunehmen. Unserer Kinderärztin rechne ich bis heute hoch an, dass sie meine ängstlichen Fragen danach nicht mit einem schallenden Lachen beantwortet hat, sondern immer wieder geduldig erklärt hat, dass sich bisher noch alle Kinder irgendwann gedreht haben. Und auch alle irgendwann gekrabbelt sind. Und gelaufen.

Warum Spielen lernen ist und wieso Kinder arbeiten

Alles zu seiner Zeit, jedes Kind hat sein eigenes Tempo – das wurde mein Motto im ersten und zweiten Lebensjahr. Das hat mein Kind mir beigebracht – meine erste Lektion als Mama. Denn natürlich hat er sich gedreht, ist gekrabbelt (gut, nur ziemlich kurz…) und schließlich auch gelaufen. Ganz ohne Druck und Stress. Ganz von alleine.

Kennt ihr die Formulierung, dass jemand etwas „spielend leicht“ gelernt hat? Was man damit ja meint, ist das jemand etwas in den Schoß gefallen ist, und er nichts dafür tun musste, keine Arbeit damit hatte. Spielen ist etwas, das nicht mit Mühe verbunden wird, lernen dagegen schon. Seit drei Jahren beobachte ich nun schon, wie mein Kind „spielend“ lernt, manchmal leicht, manchmal mit Mühe. Aber immer im Spiel.

Wer hier schon etwas länger mitliest, weiß dass die Pädagogik von Maria Montessori für mich eine besondere Rolle spielt, wenn es um den Mini geht. Als ich begonnen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, hat mich eine Sache nachhaltig irritiert: Sie spricht niemals vom kindlichen Spiel. Sie spricht von Arbeit, die mit den Montessori-Materialien erledigt wird. Das fühlte sich erstmal komisch an. Mit der Zeit und vielen gelesenen Seiten wurde mir aber klar, dass das keine Abwertung des kindlichen Spielens als überflüssig oder unsinnig ist – sondern vielmehr eine Gleichberechtigung und eine enorme Aufwertung. Kein „er spielt ja nur“ – im Sinne von: er geht einer eigentlich sinnfreien Beschäftigung ohne Ziel und Ergebnis nach, einem Zeitvertreib. Sondern: er arbeitet mit einem Material. Mit einem Ziel und einem Ergebnis. Spielen ist Arbeit. Und Lernen.

Das hat meine Sicht auf das Spiel von Kindern und auch auf das Lernen grundlegend verändert. Und mir auch eine Antwort auf die Frage gegeben, ob Kinder alles „von alleine“ lernen oder doch gezielte Förderung durch ihre Eltern benötigen.

Dem Kind folgen – ich soll bitte was tun?

„Follow the child“ – folge deinem Kind wäre wohl die Antwort von Maria Montessori auf meine Frage gewesen. Oder vielleicht auch ein klares JEIN. Denn ganz alleine im luftleeren Raum lernt sicherlich kein Kind. Es benötigt Anregungen, Inspirationen und Vorbilder. Und eine geeignete Lernumgebung, in der es seinen Interessen nachgehen kann.

Die Aufgabe von Eltern ist aus meiner Sicht genau das – eine passende Umgebung schaffen. Und damit meine ich nicht eine perfekte Montessori-Umgebung mit perfekten Montessori-Materialien. Ich meine einfach eine lernfreundliche Umgebung. Und Eltern mit einem offenen Ohr für aufkeimende Interessen und einer Antenne für die sogenannten „sensiblen Phasen“. Hier kann man dann seine „Förderenergie“ endlich freilassen und dem Kind seinem Interessen und seinem Alter entsprechend Materialien zur Verfügung stellen, mit denen es in seinen Interessengebieten arbeiten kann. In seinem Tempo, aus seiner freien Entscheidung für ein Thema heraus.

Alles hat seine Zeit – nur wann ist die?

Bevor ich Mutter geworden bin, habe ich das immer geglaubt. Also, dass man erst „A“ gelernt haben muss, bevor man „B“ angehen kann. Dass es für das Lernen von Dingen eine bestimmte, sinnvolle Reihenfolge und ein entsprechendes Zeitfenster gibt. Diese Annahme hat mir in den vergangenen drei Jahren schon die ein oder andere Fahrt auf dem mütterlichen Gedankenkarussell beschert.

Ein Beispiel gefällig? Der Mini hat erst ziemlich spät frei laufen gelernt – und es hat mich wirklich sehr besorgt. Er wollte gerne an der Hand, an der Wand, am Tisch, am Schrank entlang laufen – aber frei? Lieber wieder hinsetzen. Ich habe Bücher gewälzt, Blogtexte gelesen, Freundinnen gefragt, die Kinderärztin zu Rate gezogen und mich verrückt gemacht. Und dann ist er einfach losgelaufen – zur großen Erleichterung meinerseits. Nach dem Laufen zogen schnell Fortbewegungsmittel mit Rädern bei uns ein: ein Bobbycar und ein Puky Wutsch und beide wurden sofort heiß geliebt. Das Kind wurde größer, das Puy Wutsch zu klein – der Mini war genau im richtigen Alter für ein Laufrad. Fand ich.

Der Mini sah das nicht so – und das Laufrad stand nur in der Ecke. Das Kind faltete seine langen Beine lieber zusammen und flitzte mit dem Wutsch durch die Gegend. Mein Gedankenkarussel ratterte wieder los – und wenn er Probleme mit dem Gleichgewicht hat? Damals beim Laufenlernen hatte er sich ja auch…? Ob man nicht vielleicht doch mal..?

Ihr ahnt, wie die Geschichte endetet – der Mini stieg eines Tages auf sein Laufrad, als ob er noch nie etwas anderes gemacht hätte und fuhr los. Und nur wenige Wochen später erklärte mir der frischgebackene Dreijährige, dass er doch bitte jetzt gerne Fahrrad fahren lernen möchte. Ich muss gestehen, ich habe das zuerst überhaupt nicht ernst genommen – aber er ließ nicht locker. Immer wieder wollte er im Fahrradgeschäft Fahrräder anschauen und sich drauf setzen. Und mein Sohn kann sehr hartnäckig sein, wenn er etwas unbedingt will.

Schließlich haben wir uns entschieden, ein Kinderfahrrad anzuschaffen. Auch auf die Gefahr hin, dass es vielleicht doch in der Ecke steht. Zwei Wochen später fuhr der Mini mit drei Jahren und drei Monaten frei Fahrrad. Das muss man nicht verstehen – wirklich nicht. Vielleicht ist das auch nicht zu verstehen. Man muss nur genau hinsehen und aufmerksam sein – denn das Interesse für das Radfahren war ganz offensichtlich da, und der Wille genauso. Und der kann bekanntlich Berge versetzen. Oder so. 😉

Etwas über das Lernen lernen: Lektion 2 für mich

Aus dieser Anekdote habe ich viel über das Lernen gelernt. Ich für mich definiert, was ich darunter verstehe mein Kind „zu fördern“: ich beobachte ihn genau und biete ihm Materialien und Aktivitäten an, die zu seinen Interessen passen. Er steht auf Feuerwehr? Prima, dann lesen wir Feuerwehrbücher, besuchen ein Feuerwehrfest und löschen abends fleissig den Garten. Und ganz vielleicht lassen wir auch noch ein paar Helikoptermutti-Vorsicht-im-Umgang-mit-Feuer-Tipps einfliessen. 😉

Im Moment interessiert der Mini sich sehr für Zahlen. Es begann mit Hausnummern – unsere, der von den Omas und Opas, und schließlich denen der Nachbarn. Zahlen in Büchern, auf Paketen, Schuhen, Shirts und an Supermarktkassen folgten. Wir brauchen nun also immer ziemlich lange auf unseren Ausflügen, besitzen dank Oma ein cooles Zahlen-T-Shirt, ein Zahlenpuzzle, verschiedene Zählmaterialien und haben ein glücklich zählendes Kleinkind.

Kürzlich hat mich jemand gefragt, ob ich es nicht etwas zu früh fände, mit den Zahlen anzufangen. Dazu hätte ich sicherlich am besten in schönstem Kleinkind-Ton geantwortet „Ey, aber ich hab‘ doch gar nicht angefangen! Er hat zuerst angefangen!“ – habe ich aber nicht. Wäre aber lustig gewesen. Und es hätte meine Antwort sicherlich besser auf den Punkt gebracht. Vielleicht ist das nämlich der Faktor, der für mich am „Fördern“ am wichtigsten ist – dass der Impuls vom Kind ausgeht, und der Mini sich aus sich selbst heraus für etwas interessiert.

Und in der Schule?

Ja, ja – die Schule. Wenn man über das Lernen spricht, kann man die Schule nicht ausklammern. Dazu kann ich aus Muttersicht natürlich noch gar nichts sagen – nur aus Schülerinnensicht. Und wer jetzt nach meinem Plädoyer für das freie, interessengeleitete Lernen ein Regelschul-Bashing erwartet, den muss ich enttäuschen. Ich bin immer sehr gerne in die Schule gegangen und erinnere mich noch gut daran, dass ich im letzten Kindergartenjahr wahnsinnig wild auf den Beginn des 1. Schuljahres war. Ich wollte nämlich endlich richtig alleine lesen lernen.

Ich hatte schon ein bißchen damit angefangen, meine Mutter hatte als Grundschullehrerin praktischerweise eine ganze Reihe an verschiedenen Fibeln zu Hause rumstehen. Anlaut-Tabellen und Wort-Bild-Karten sei Dank, hatte ich den Dreh schon bald zumindest im Prinzip heraus und habe ich total darauf gefreut, das in der Schule weiter zu machen. Ich kann mich übrigens nicht daran erinnern, mich im Unterricht deshalb gelangweilt zu haben. Das Thema Zahlen lag und liegt mir nämlich nicht so sehr, das hat mich damals wohl ausreichend beschäftigt – da fehlt mir vielleicht dann einfach die Begeisterung meines Sohnes.

Und trotzdem habe auch ich in der Schule schließlich Rechnen, Dreisatz und Kurvendiskussion gelernt – und Mathe trotzdem erleichtert in der 13/1 abgewählt. Was ich damit sagen will, ist: das Argument, dass man irgendwann auch Sachen lernen muss, die einen nicht interessieren hört man häufig. Und das ist ja auch so – für einen Schulabschluss muss ich irgendwann einmal eine gewisse Schulbildung in verschiedenen Fächern vorweisen.

Aber das heisst ja nicht, dass man sich vor der Schule und neben der Schule nicht beim Lernen von seinen Interessen leiten lassen kann. Oder richtig tolle Lehrer die Begeisterung für Mathematik vielleicht doch noch wecken können.

Liebe Grüße,
Eure Tina

Eigentlich hatte ich in diesem Jahr gar nicht vor, beim Scoyo Elternbloggeraward teilzunehmen – das Thema „Nachhilfe & Förderung – was hilft Kindern wirklich?“ klang für mich nach Schule – und dazu kann ich mit einem Dreijährigen nunmal noch nichts sagen. Eine Weile später ergab sich aber ein Twittergespräch mit Anna und Bea, die versicherten, dass das Thema doch breiter gedacht sei. So, oder so – über das Lernen wollte ich ohnehin noch einmal schreiben – und nehme den Award nun als Anlass. Der Text „Vom Lernen, Fördern und Fordern“ ist also mein Beitrag zum Scoyo ELTERN! Blog Award 2018!

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One thought on “Vom Lernen, Fördern und Fordern – und was mein Kind mir dazu beigebracht hat.

  1. Oh ich erkenne meinen Großen in deinem Sohn total wieder. Er lief auch erst sehr spät alleine und auch ich war extrem besorgt! Das er aber sein eigenes Tempo hat, merkte ich schnell, in allen Bereichen! Ob Farbverständnis, Motorik oder all die anderen Dinge, in denen sich die Muddis von heute gegenseitig unter Druck setzen mit ihren Vergleichen! Es ist wirklich wichtig, dass man die Kinder so fordert und fördert wie SIE es selbst brauchen, und nicht weil es in irgendeinem Buch steht, was mit soundso vielen Jahren ein kind können müsste!

    Liebe Grüße,
    Sandy

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