Ich & meine Gefühle: Emotionen für Kleinkinder begreifbar machen

Der Mini ist seit einigen Wochen drei Jahre alt. Wir stecken also mittendrin, in der ominösen „Trotzphase“ – ein Wort, das ich eigentlich gar nicht mag. Ich finde, dass alleine in dem Begriff schon eine negative Haltung gegenüber dem Kind offenbar wird, die ich so gar nicht teile. „Autonomiephase“ ist die Alternative – und irgendwie finde ich auch diesen Begriff sperrig, etwas unhandlich und nicht den eigentlichen Kern treffend.

Es ist eine Phase der – noch – ungebändigten Gefühle. Gefühle, die noch nicht kontrolliert werden können und regelmäßig die Oberhand gewinnen. Wut, Angst, Frust, Ohnmacht – das alles führt bei einem Kleinkind meistens zu einem großen Knall. Mit vielen Tränen, meistens hilflosen Eltern und großer Erschöpfung auf allen Seiten. Das Kleinkind entdeckt gerade sein „Ich“ und stößt damit unweigerlich an Grenzen – dass das frustrierend ist, kann sicherlich jeder nachvollziehen. Den kindlichen und erwachsenen Frust unterscheidet aber ein ganz wesentlicher Aspekt voneinander: die Kontrollierbarkeit. Als Erwachsene haben wir eine (mehr oder weniger) ausgeprägte Impulskontrolle und haben andere Ventile für unseren Frust und unsere Wut gefunden. Die sind sicherlich auch nicht immer gesund und richtig – aber wir sind in der Lage, uns in der frustauslösenden Situation selbst zu kontrollieren. Kinder sind das noch nicht.

„Hat ein Kleinkind ein Stresserlebnis, wenn zum Beispiel ein Erwachsener etwas verbietet, übernimmt das emotionale Gehirn die Führung und blockiert das vernünftige, geduldige Gehirn weitestgehend in seiner Funktion. Das Kind wird von seinen Emotionen überwältigt – es wütet. Es wirft sich auf den Boden, schreit, spuckt, haut, tritt und ist völlig außer sich.“

(aus: Das gewünschtes Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen; S. 25)

Die Phase der ungebändigten Gefühle

Umso gemeiner ist eigentlich die Bezeichnung „Trotzphase“, denn sie impliziert ja eine Form von Absicht. Das Kind trotzt, um uns „auszutesten“, uns zu ärgern und mal zu schauen „wie weit es gehen kann“. Dass diese Gedanken immer noch unendlich weit verbreitet sind, merkt man übrigens sofort, wenn das Kind das erste Mal im Supermarkt von seinen Gefühlen davon gerissen wird. Wenn der Mini scheinbar wegen einer Kleinigkeit explodiert, beruhige ich mich meist damit, dass diese Phase eine sehr wichtige ist – für das Kind, seine Persönlichkeitsentwicklung und auch für unsere Beziehung zueinander. Wie gehen wir miteinander um, wenn wir nicht einer Meinung sind? Wie lösen wir Konflikte?

In der emotionalen Phase zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr lernt ein Kleinkind Empathie – ein riesiger Entwicklungschritt! Er geht mit der Fähigkeit einher, sich in eine andere Person hineinzuversetzen und ihre Gefühle nachvollziehen zu können.

„Im 3. Lebensjahr beginnen die Kinder Anteil an den Gefühlen anderer Menschen zu nehmen. (…) Bereits 2-jährige beginnen sich mit Wünschen und Bedürfnissen auseinanderzusetzen, die sie selbst und andere Menschen haben können. Sie versuchen Emotionen zu beschreiben.“

(aus: Babyjahre. Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren, Remo H.Largo, S. 126)

Exakt das habe ich letzter Zeit verstärkt beim Mini beobachtet. Eine Faszination für Gefühle und ihre Ausdrucksformen bei anderen Menschen.

Was tun, wenn die Gefühle mit dem Kleinkind davon galoppieren?

Es gibt bereits einige ganz wunderbare Artikel dazu, wie man gut mit den Gefühlsausbrüchen von Kleinkindern umgehen kann, deshalb möchte ich dazu hier vor allem auf zwei Artikel verweisen, die mir sehr geholfen haben. Denn, wenn man mal ganz ehrlich ist – der erste Impuls bei einem Wutausbruch ist doch meistens, dass man diesen möglichst schnell beenden möchte, oder?

Da das aber meistens nicht klappt, und zum anderen auch keine gute Idee wäre, beschreibt eine meiner liebsten Bloggerinnen, Susanne Mierau hier wirklich gut, wie man einen Wutanfall am besten begleiten kann. Die zweite Seite, die ich immer zu Rate ziehe, ist das „Gewünschteste Wunschkind“ – die hier erklären, wie man Gefühle spiegelt und dem Kind so aus dem Gefühlsausbruch hinaus hilft.

Da der Mini aber gerade offenbar sensibel für das Thema „Gefühle“ ist und Interesse an den Ausdrucksformen entwickelt hat, habe ich versucht den Gefühlsausbrüchen neben dem oben beschriebenen begleiten noch auf einer anderen, rationaleren Ebene zu begegnen. Nicht in der Situation selbst, sondern durch die Beschäftigung mit Montessori-inspirierten Materialien rund um das Thema Emotionen.

Gefühle verstehen – Gefühle begreifen: auf dem Weg zur Impulskontrolle

Ich bin fest überzeugt, dass vor dem Kontrollieren von Emotionen diese zuerst einmal verstanden werden müssen. Das Spektrum der verschiedenen Gefühle kennenlernen, bei anderen erkennen und bezeichnen zu können – von dort aus ist es nur noch ein kleiner Schritt, diese Gefühle auch bei sich selbst identifizieren und kommunizieren zu können.

Fündig geworden bin ich bei den Eltern vom Mars, die hier sehr hilfreiche Emotionskarten zum Download zur Verfügung stellen. Diese Karten habe ich genutzt, um mit dem Mini über verschiedene Gefühle zu sprechen – wir haben mit einigen davon begonnen und die Reihe Stück für Stück immer weiter ergänzt. Ich habe die Karten übrigens noch ein wenig enger zugeschnitten, weil der Mini sich so besser auf den Gesichtsausdruck konzentrieren konnte.

Wir haben die Gefühle benannt, und versucht den Gesichtsausdruck nachzumachen – was zu viel Lachen und sehr viel Spaß geführt hat.

Besonders das Beobachten der eigenen Gesichtsausdrücke im Spiegel fasziniert den Mini. Er verbringt viel Zeit davor und versucht immer wieder, bestimmte Gesichtsausdrücke zu imitieren. (Ein interessanter Nebeneffekt ist übrigens auch eingetreten: Während mein Sohn seit seiner Geburt immer mit offenen Augen im Bett liegt, bis ihm diese schließlich beim Einschlafen zufielen, schließt er nun die Augen BEVOR er einschläft. Er hat gesehen, dass man beim Schlafen die Augen zu hat und festgestellt, dass man so besser einschlafen kann.)

Unsere Arbeit mit den Karten hat auch dazu geführt, dass der Mini unterwegs zunehmend versucht, Gesichtsausdrücke zu interpretieren – „der Mann ist traurig“, „das Kind möchte gern ein Eis“, „die Frau ist wütend“. Eine einfache tägliche Übung, um vertrauter mit Gefühlen zu werden.

Wissen anlesen, eigene Gefühle einordnen

Ich wäre nicht ich, wenn wir nicht auch nach geeigneten Büchern Ausschau gehalten hätten, die sich mit Gefühlen und dem Umgang damit beschäftigen.

Fündig geworden bin ich in meiner Lieblings-Buchreihe „Wieso Weshalb Warum“ mit dem Titel „Ängstlich, wütend, fröhlich sein“ (PR Sample). Das Buch beschreibt sehr kleinkindgerecht, dass man verschiedener Stimmung sein kann und zeigt viele Beispiele auf, warum man fröhlich oder traurig sein kann. Es beschäftigt sich auch mit dem Thema Angst und greift einige der typischen Ängste von Kleinkindern auf.

Ich finde an dem Buch besonders gelungen, dass es die verschiedenen Gefühle nebeneinander stellt und beispielhaft erläutert, aber nicht bewertet. So heisst es zum Beispiel „Streit gehört eben dazu, auch wenn man sich lieb hat“ – das finde ich eine ungewöhnlich neutrale Betrachtung für ein Kinderbuch und wirklich sehr schön.

„Das kleine Wutmonster“ aus der Maxi Pixi-Reihe ist nicht ganz so neutral und labelt Wut durchaus als etwas negatives, was ich ein bißchen schade finde. Dafür punktet das Buch bei uns mit einer schönen Geschichte mit typisch kindlichen Wutauslösern – und einer Möglichkeit, das Gefühl kontrollieren zu können. Das vorgeschlagene Wut-Lied ist für uns jetzt keine Option, bietet aber einen schönen Anknüpfungspunkt, um darüber zu sprechen, was man denn machen kann wenn man wütend ist. Umsetzen kann der Mini solche Ideen im Moment noch nicht – aber ich glaube, dass das Gespräch über verschiedene Möglichkeiten mit Ärger umzugehen auch schon ein Stück weiterhilft.

Das kleine Wutmonster finde ich auch eine süße Figur, um aufkommende Wut beim Mini in der Situation anzusprechen. Manchmal hilft auch das schon, um das Hochkochen der Gefühle zu verhindern und das Gespräch vorher auf die Ursache der Wut umzulenken.

Darum, was man so tut wenn man wütend ist, dreht sich auch das süße Buch „Wenn kleine Tiere wütend sind“ aus dem Ravensburger Verlag. Die Geschichte ist gereimt und der Mini liebte sie schon lange bevor wir uns mit Gefühlen beschäftigt haben. Die verschiedenen Tiere sind wütend und machen ganz verschiedenen Dinge – viele gute Beispiele, wie man seinen Unmut ein bißchen abreagieren kann.

Wie geht ihr mit dieser etwas verrückten Zeit rund um den 3. Geburtstag um? Ich freue mich über eure Tipps und Ergänzungen in den Kommentaren!

Liebe Grüße,
Eure Tina

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One thought on “Ich & meine Gefühle: Emotionen für Kleinkinder begreifbar machen

  1. Ich finde eine Erklärung aus Peter Pan sehr hübsch um diese Zeit zu beschreiben:

    Feen sind so klein, dass nur ein Gefühl auf einmal hineinpasst. Und dieses Gefühl füllt sie dann vollkommen aus, sodass nichts anderes mehr zählt.

    Das passt sehr gut auch auf unsere Kinder.

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