Über das „Muttitasking“ – und warum das keine gute Idee ist

Ich habe ja hier vor einigen Wochen schonmal geschrieben, dass ich ein kleiner Monk bin, und ein großes Faible für Ordnung und Struktur habe. Und für Listen! Man sollte meinen, dass ich dann auch entsprechend gut organisiert bin. Ich habe aber ständig das Gefühl, dass ich der Zeit hinterher renne: irgendetwas kommt immer zu kurz, wird vergessen oder bleibt unerledigt. Die To-Do-Liste ist stets bestens gefüllt, das Gefühl „fertig“ zu sein hatte ich schon eine ganze Weile nicht mehr, und irgendwie erscheint das, was man geschafft hat immer zu wenig.

Ich bin mir sicher, dass jetzt ganz viele Eltern heftig mit dem Kopf nicken, stimmt’s?

Die Zeit rennt – und zwar verdammt schnell

Denn das Gefühl kennen wohl alle – die Zeit legt irgendwie mit Kind einfach einen Zahn zu. Aber was man so romantisch-sentimental an jedem Kindergeburtstag mit Blick auf das schon wieder größere Kind feststellt, ist leider auch ganz schnöde und banal Teil unseres Familienalltags. Das Jonglieren von Bedürfnissen mehrerer Familienmitglieder funktioniert, hat aber seinen Preis. Und der wird mit der Währung Zeit bezahlt.

Wenn Zeit also zum kostbaren Gut wird, was macht man dann? Richtig, man wird effizienter. Man packt mehr rein in die vorhandene Zeit und macht einfach ständig mehrere Dinge gleichzeitig. Während wir Eisenbahn bauen, führe ich noch ein Telefonat, beim Conni schauen, klimpere ich schnell ein paar Stichworte zu einem Blogpost in mein Handy. Auf dem Weg in den Kindergarten schicke ich mit schnell selbst eine E-Mail mit der Erinnerung an zwei wichtige To Do’s. Sitze ich dann am Schreibtisch, habe während des Textens noch fünf weitere Tabs offen, um parallel ein WordPress-Problem zu lösen, einige Kontakte zu recherchieren und diese nette Montessori-Frühlingsidee wiederzufinden, die ich kürzlich gesehen habe. Zwischendurch schnell noch ein paar Mails geschrieben, Whats Apps beantwortet und dann klingelt auch schon wieder das Telefon.

Wir machen so oft mehrere Dinge gleichzeitig und es fühlt sich völlig normal für uns an. Ja, wir haben sogar das Gefühl, dass wir damit Zeit sparen und besonders effizient sind. Es wird ja auch idealisiert – „ich bin total Multitasking-fähig“ ist ja eher ein positives Bild. Die Superfrau, die Kind, Job und Haushalt mit einer Hand jongliert und mit der anderen einen perfekten Eyeliner zieht.

Klar, wir können das.

Aber sollten wir das auch?

(Männer beherrschen das Vatti-Tasking entgegen landläufiger Meinung übrigens genauso, das nur am Rande – Muttitasking war nur hübscher für die Überschrift.)

Wir müssen nicht, nur weil wir es können – und was ist „Multitasking“ überhaupt?

Man meint ja immer, man hab keine Zeit alles nacheinander zu machen und müsste Dinge gleichzeitig machen, damit man mit der vorhandenen Zeit auskommt. In der Realität ist das aber meistens eine Illusion. Wenn ich wie oben beschrieben, alle Dinge einmal „angepackt“ habe, gibt mir das vielleicht das gute Gefühl, etwas daran getan zu haben. Aber habe ich die entsprechende Aufgabe dann auch abgeschlossen? In meinem Fall muss ich das mit „meistens nicht“ beantworten. Meine Hauptaufgabe ist hinterher vielleicht fertig – aber von den Dingen, die ich parallel dazu getan habe, sind die meisten am Ende nicht mehr als das: einmal angepackt und bestenfalls halbfertig.

Spannenderweise kommt der Begriff „Multitasking“ ursprünglich aus der IT – und beschreibt die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben (= Tasks) nebenläufig auszuführen. Die deutsche Übersetzung lautet übrigens „Mehrprozessbetrieb“ – klingt schon deutlich weniger fancy, oder? Ziel ist die sogenannte „Optimierung der Auslastung“. (Definition und folgendes Zitat nach Wikipedia)

„Der Grundgedanke hinter der „Optimierung der Auslastung“ ist der, dass in einem durchschnittlichen Rechner der überwiegende Teil der Rechenzeit nicht genutzt werden kann, weil häufig auf verhältnismäßig langsame, externe Ereignisse gewartet werden muss (beispielsweise auf den nächsten Tastendruck des Benutzers). Würde nur ein Prozess laufen (zum Beispiel die wartende Textverarbeitung), so ginge diese Wartezeit komplett ungenutzt verloren. Durch Multitasking kann jedoch die Wartezeit eines Prozesses von anderen Prozessen genutzt werden.“

Inwiefern der Vergleich Mensch – Computer jetzt überhaupt gerechtfertigt ist, sei mal dahingestellt – was ich spannend finde, ist folgendes: auch hier wird nicht tatsächlich parallel im Sinne von gleichzeitig gearbeitet. Es werden vielmehr entstehende „Lücken“ gefüllt, und Wartezeiten genutzt.

Aber, können wir es denn wirklich?

Wenn man sich dann mal die psychologische Definition von Multitasking – das hier mit „Mehrfachaufgabenperformanz“ übersetzt wird (again: klingt gleich sehr viel weniger sexy…), dann taucht dieser Aspekt auch hier in der Definition wieder auf:

„Unter Multitasking oder Mehrfachaufgabenperformanz (seltener menschliches Multitasking) versteht man die Ausführung zweier oder mehrerer Aufgaben zur selben Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten. Die Aufgaben sind voneinander unabhängig, das Ziel einer Aufgabe ist also nicht von den Resultaten der anderen Aufgabe abhängig. So wird beispielsweise eine E-Mail verfasst und gleichzeitig einem Bericht zugehört.“

„In abwechselnd kurzen Zeitabschnitten“ – das beschreibt doch ziemlich gut, was passiert, wenn ich wie ganz oben beschrieben mehrere Dinge gleichzeitig tun möchte. Man zerhackt eine Stunde Arbeitszeit in sinnlos kleine Teilstücke, die man verschiedensten Aufgaben widmet. Und damit fühle ich mich hinterher effizient?

Sind wir wirklich in der Lage, zwei oder mehrere Dinge gleichzeitig zu tun? Oder wechseln wir immer wieder zwischen den Aufgaben hin und her?

„Grundsätzlich können nun auch Prozesse, die zu unterschiedlichen Aufgaben gehören, gleichzeitig ablaufen – aber dabei gibt es bestimmte Einschränkungen. Relativ unproblematisch ist es bei peripheren Prozessen, etwa wenn wir über verschiedene Sinne Dinge wahrnehmen: Ich kann einem Gesprächspartner am Telefon zuhören und davon unabhängig visuelle Informationen aufnehmen. Auch Output-Prozesse können oft gleichzeitig ablaufen: Ich kann sprechen und dabei mit meiner Hand etwas tun. In solchen Fällen gibt es höchstens kleinere gegenseitige Beeinflussungen.

Andererseits gibt es Arten von Prozessen, von denen das Gehirn nur einen pro Zeiteinheit ausführen kann. So braucht eine Entscheidung eine Art zentrale Aufmerksamkeit, und diese ist unteilbar. Wenn ich also am Telefon gefragt werde, welcher Termin mir besser passt, und gleichzeitig meine Sekretärin per E-Mail fragt, ob sie bestimmte Unterlagen ausdrucken soll, können die beiden Entscheidungsprozesse nur nacheinander ablaufen. Mich der einen Sache zuzuwenden heißt, die andere zu unterbrechen. Das zeigen psychologische Experimente: Überlappen sich Entscheidungsprozesse, verlängert sich die Bearbeitungszeit oder die Fehlerquote steigt.“

– sagt Prof. Dr. Torsten Schubert, Psychologie, Humboldt-Universität Berlin, in diesem Interview. Multitasking ist also möglich, aber nur bei Aufgaben, die keine Entscheidungen abverlangen und in gewisser Weise ritualisiert sind.

Und jetzt?!?

Wisst ihr eigentlich, was der Anlass für meine ganzen Gedanken rund ums Multitasking war? Ein nasses Auto. Ich habe nämlich die Autotür vorletzte Woche aufstehen lassen, nachdem ich dem Mini aus dem Kindersitz geholfen habe. Was genau los war weiß ich schon gar nicht mehr – vermutlich hat er mich etwas gefragt, oder mein Handy hat geklingelt? Ich war auf jeden Fall mit mehr als einer Sache beschäftigt und parallel in Gedanken schon völlig woanders – leider bevor ich die Autotür zumachen konnte. Und natürlich hat es geregnet, ist ja klar. Soviel zum Thema steigende Fehlerquote.

Ich beobachte aber auch bei meinem kleinen Sohn, wie hochkonzentriert er bei bestimmten Aufgaben in den „Flow“ versinkt – bei Montessori heißt dieses Phänomen „Polarisation der Aufmerksamkeit“ und bin ein bißchen neidisch. Wann habe ich das eigentlich das letzte Mal geschafft? Das ständige hin- und herspringen zwischen Punkten auf meiner To Do-Liste verhindert das sehr effektiv.

Apropos Effizienz – vielleicht müssen wir einfach die Illusion der Effizienz aufgeben, wenn es um Multitasking geht? Und uns klarmachen, dass es schlicht eine andere Aufteilung der vorhandenen Zeit ist. Meistens keine besonders sinnvolle, wenn man mal ganz ehrlich ist. Ich habe mir vorgenommen, das „Nacheinander“ von Aufgaben für mich wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Der Tag hat nicht mehr als 24 Stunden, auch wenn man noch so sehr an ihm herumzerrt. Was sich im ersten Moment vielleicht effizient anfühlt, muss es nicht unbedingt auch sein. Eins nach dem anderen – vielleicht sollte ich das einrahmen und über meinen Schreibtisch hängen?

Liebe Grüße,
Eure Tina

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One thought on “Über das „Muttitasking“ – und warum das keine gute Idee ist

  1. Sehr schöner Artikel. Ja ich habe mit dem Kopf genickt. Das ist eine fruchtbare Angewohnheit. Ich versuche möglichst effizient zu sein in dem ich auf dem weg zum Auto noch den Müll, den Einkaufskorb und die Kindergartentasche in der Hand habe während Emma dann die Treppe runterstürzt und ich quasi kreischend alles fallen lassen muss. Es ist wirklich furchtbar. Aber ich war schon vor Emmas Geburt so, es ist nur jetzt noch schlimmer weil die Zeit weniger geworden ist.

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